Wie angelt man sich einen Job im E-Sport-Bereich?

E-Sport-Teams stellen karrierebewusste Mitarbeiter auf allen Ebenen ihrer Organisationen ein. Möglicherweise sind sie auch an dir interessiert! Dafür müssen sie dich aber erst einmal finden.

Nur einige Auserwählte tragen jemals das Trikot einer führenden E-Sports-Firma, beispielsweise Team Liquid oder Team Fnatic. Tausende weitere werden aber eine Stelle in der internationalen E-Sport-Branche finden, die bereits die Ein-Milliarde-Schwelle beim Umsatz erreicht hat und weiter zulegt ‒ so zu lesen im Global 2018 Esports Market Report Light, der von Newzoo veröffentlicht wurde. Während Investoren immer mehr Geld für E-Sport ausgeben, stoßen ständig neue Teams in diese Marktlücke. Sie alle brauchen Experten für Social Media, Marketing-Spezialisten, Mitarbeiter für das Back-Office usw.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, um an geeignete Mitarbeiter zu kommen Nachfolgend die Erfolgsgeschichten von Experten, die bei Fnatic und Liquid mittlerweile hohe Stellen bekleiden. Sie sind auf ganz unterschiedlichen Wegen dorthin gelangt, und beide meinen, dass ihre Teams solche Leute wie dich suchen.

GESCHÄFTIGES TREIBEN AN DER BASIS

Caleb Andersons neueste Position bei Team Liquid entspricht der vielseitigen Natur seiner Arbeit. Mit 26 Jahren ist er für vier Abteilungen zuständig und arbeitet hinter den Kulissen, damit das Organisatorische bei Liquid stets rund läuft. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie hart Caleb Anderson arbeiten musste, um den Aufstieg von ganz unten zu schaffen.

Er begann seine Karriere beim E-Sport, indem er bei Team Curse ein Volontariat annahm. Um 2011 herum, als E-Sport im Westen gerade populär wurde, war er ein begeisterter Anhänger von „Call of Duty“. Als er eine Stellenausschreibung für die Position eines Social Media-Managers im Twitter-Feed von Curse sah, schickte er seine Bewerbung per E-Mail.

Caleb Anderson bekam die Stelle, aus der sich bald schon neue Herausforderungen ergaben. Zunächst managte er die Social Media-Kunden des Teams als unbezahlter Volontär, wobei er sich neue Fertigkeiten aneignete und aufkommende Probleme löste. Als die Komplexität der Arbeit zunahm, bekam er eine Stelle als permanentes Teammitglied. Er kümmerte sich um die Team-Sponsoren und wurde dann bei Curse in der „Call of Duty“-Abteilung zum Manager für drei Teams und 12 Player.

Als Curse 2015 mit Team Liquid fusionierte, wuchsen die Verantwortungen von Caleb Anderson exponentiell. Heute arbeitet er extern von Colorado Springs aus, besucht aber für eine Woche pro Monat die Hauptniederlassung und Trainingseinrichtung seines Teams in Santa Monica, von wo aus er die weltweit stattfindenden E-Sport-Events verfolgt oder sich mit Sponsoren trifft.

Das Team Liquid besteht mittlerweile aus 60 Sportlern und über 100 Vollzeit- und Teilzeitmitarbeitern sowie Volontären. Es handelt sich also um eine Armee von Personen, die die E-Sport-Erfolge von Team Liquid unterstützen, darunter den Sieg des Dota 2-Teams bei „The International 7“ und beim „2018 NA LCS Spring Split Championship“, um nur einige zu nennen.

E-Sport-Organisationen, darunter auch das Team Liquid, erhalten weiter viel Zulauf von talentierten Personen, da die Teams ständig neue Zuschauerrekorde aufstellen und zahlungskräftige Investoren anziehen. Caleb Anderson prüft die meisten der an Team Liquid gerichteten Bewerbungen und meint, dass nach wie vor gute Chancen bestehen, in die Branche einzusteigen.

„Der E-Sport gewinnt an Bedeutung und entwickelt sich weiter, deshalb gibt es auch nach wie vor gute Chancen“, erklärt er. „Wir brauchen mehr Account-Manager, Grafikdesigner und Personen, die den Handel in neuen Regionen unterstützen. Diese neuen Chancen in der Game-Branche bedeuten sogar noch mehr Einstiegsmöglichkeiten für engagierte und ehrgeizige Personen.“

In bestimmten Fällen werben E-Sport-Organisationen auch Spezialisten aus anderen Branchen an, um neue Stellen zu besetzen. Caleb Anderson meint aber, dass Team Liquid auch weiterhin für ambitionierte und talentierte Volontäre und Teilzeitmitarbeiter offensteht, die aus ihrer Gaming-Leidenschaft eine richtige Berufskarriere machen wollen ‒ ähnlich wie er es gemacht hat.

„Wenn man sich für E-Sport begeistert und seine Zeit opfern will, sind die Möglichkeiten zum Lernen und Wachsen quasi unbegrenzt“, so Caleb Anderson.

„Diese Volontäre und Teilzeitmitarbeiter werden voll integriert und erhalten bei E-Sport-Organisationen sehr viel mehr Verantwortung, als dies in den meisten anderen Branchen üblich ist“, sagt er weiter. Es geht hierbei nicht nur um Kopien machen und Kaffee kochen. Sie werden ins kalte Wasser geworfen und müssen sich direkt mit Entscheidungsträgern auseinandersetzen.

„Ich glaube, es gibt keine andere Branche, wo ein wenige Wochen zuvor eingestellter Teilzeitmitarbeiter so eng mit dem Geschäftsführer zusammenarbeitet“, erläutert er.

Caleb Anderson,
Direktor für Social Media, Kommerzielles, Kundendienst und Creative Services bei Team Liquid
 

Karrierestart bei E-Sport

CALEB ANDERSONS RATSCHLÄGE FÜR GAMER

Warte nicht auf die
perfekte Stellenausschreibung

Durchforste regelmäßig die Websites, die Social Media-Accounts und die LinkedIn-Seiten nach Stellenangeboten bei E-Sport-Organisationen. Bewirb dich auch dann auf Stellen, wenn du nicht hundertprozentig qualifiziert bist. Caleb Anderson und andere Personalmanager bei Liquid sehen sich jede Bewerbung genau an und ziehen Bewerber auch dann noch in Betracht, wenn zusätzliche Stellen ausgeschrieben werden.

„Wenn du qualifiziert bist, findest du bestimmte eine Stelle im E-Sport, selbst wenn es sich nicht um die ursprünglich angestrebte Stelle handelt“, erklärt er.


Sei flexibel und anpassungsfähig

In den E-Sport-Büros geht es hektisch zu. Die Bereitschaft zu vielen Überstunden kann karrierefördernd sein ‒ besonders für Personen, die spontan neue Verantwortungen übernehmen.

„E-Sport kann ein aufreibender 24-Stunden-Job sein. Du musst also von vornherein bereit sein, bis zum physischen Limit zu gehen“, so Caleb Anderson. „Vieles gerät außer Kontrolle und muss in letzter Minute noch erledigt werden. Das ist die Natur dieses Geschäfts. Du musst dies nicht nur bereitwillig hinnehmen, sondern in solchen Fällen zur Höchstform auflaufen.“

HINZUZIEHEN VON SPEZIALISTEN

Beim E-Sport handelt es sich nicht mehr um eine ganz junge Branche.

Mittlerweile werden viele Millionen in E-Sport-Programme investiert, darunter auch solche, die der traditionellen Profisport-Szene angehören. Die E-Sport-Teams wandeln sich dadurch von zusammengewürfelten Start-ups in große Unternehmen. Damit Profi-Gamer bei Turnieren gewinnen können, müssen Dutzende von Mitarbeitern im Hintergrund ihr Bestes geben.

Einige dieser Support-Mitarbeiter arbeiten direkt mit den E-Sportlern zusammen, beispielsweise Manager, Trainer oder sogar Ernährungsberater und Psychoanalytiker. Die meisten üben aber typische Bürojobs aus, und mit zunehmender Bedeutung von E-Sport müssen die Organisationen auch Außenstehende in Führungspositionen berufen. Das bedeutet beispielsweise, dass ein Buchhalter der Jedi-Ebene zugleich Finanzvorstand sein muss, der die Einnahmen und Ausgaben überwacht. Dasselbe gilt für den Vertrieb, die Personalabteilung und so weiter.

Deshalb hat sich Team Fnatic auch für Róisín O’Shea entschieden. Diese hatte zuvor mit Profi-Sportlern bei Fußball, Rugby, Formel 1, Olympia und ähnlichen zusammengearbeitet, wo sie für das Management von Partnerschaften zuständig war.

Róisín O’Shea arbeitet von der Fnatic-Hauptniederlassung in London aus und koordiniert das gesamte Sponsoring von Fnatic. Es handelt sich hierbei um eine zentrale Aufgabe in einem Betrieb, das beim Austragen von Events 120 Leute beschäftigt und ca. 45 Sportler in 10 Teams unterstützt. Auch zuvor hatte sie schon eine ähnliche Aufgabe inne und vertrat zudem die Profi-Sportler als Agentin.

Als Fnatic sie einstellte, wusste Róisín O’Shea nicht allzu viel über E-Sport. Sie machte einige Recherchen und stellte fest, dass E-Sport hinsichtlich der Zuschauerzahlen, der Investitionen und des Engagements der Sponsoren unglaublich schnell zugelegt hatte. Mit anderen Worten: E-Sport war als Sportart bereits etabliert und besaß ein unglaubliches weltweites Potenzial.

Von der professionellen Einstellung der Fnatic-Führungsmannschaft war sie beeindruckt. Dasselbe galt für die straffe Führung des firmeneigenen Shops und die Qualität der bereits unter Vertrag stehenden Sponsoren.

Genau dort wollte sie arbeiten. 

„Ich hatte keine Ahnung, was bei Fnatic und beim E-Sport ablief“, erklärt sie. „Ich musste eine ganze Weile recherchieren, aber dass ich dort einsteigen wollte, war relativ schnell klar.“

Als Róisín O’Shea ihr erstes Event managte, wurden auch die letzten Zweifel beseitigt. Sie erinnert sich an das Finale der Profi-Liga in Hamburg. Den chaotischen Spielverlauf durchschaute sie nicht ganz, aber tausende von lautstarken Fans rissen sie mit und machten ihr klar, warum E-Sport einen solchen Aufschwung erlebte.

Beim Zuschauen bekam ich eine Gänsehaut, ähnlich wie bei einem guten Fußballspiel“, erklärt sie. „Selbst wenn ich weder für das eine noch das andere Team war ‒ ich habe mit tausenden von Leuten mitgefiebert.

Auf dem Papier sah Róisín O’Sheas Stellenbeschreibung mit dem Suchen und Promoten von Sponsoren anfangs ähnlich aus wie das, was sie ursprünglich für traditionelle Sportarten gemacht hatte. Dies erwies sich aber als Irrtum. Bei den E-Sport-Anhängern handelt es sich nicht nur um eine demografische Zielgruppe zwischen 18 und 35 Jahren. Sie reagieren schneller auf Marken, die ihnen etwas bedeuten, wie zum Beispiel Ballistix Gaming.

Wenn es aber um Partnerschaften mit Marken geht, die sich als „Gamer-freundlich“ präsentieren, verdrehen sie die Augen.

Bei den traditionellen Sportarten machen sich Leute in meiner Position nicht allzu viele Gedanken über die Fans“, erläutert sie. „Hier dagegen stehen die Fans bei der Zusammenarbeit mit Partnern an allererster Stelle. Es gibt nichts Wichtigeres.“

Heute versteht Róisín O’Shea die besondere Dynamik von Games. Sie ist jetzt selbst ein Fan von Fnatic.

Bevor ich hier anfing, glaubte ich, dass E-Sport nichts für mich sei“, erklärt sie. „Letztlich konnte ich mich der Dramatik aber nicht entziehen. Wenn dein Team gewinnt, dann fühlst du mit ‒ ebenso, wenn es verliert. Als ich in engem Kontakt mit dem Team stand, musste ich um 2 Uhr nachts Twitch einschalten, um mich über die laufenden Games zu informieren.

Róisín O’Shea, Leiterin
für Partnerschaften, Team Fnatic

Karrierestart bei E-Sport

RÓISÍN O’SHEAS RATSCHLAG AN NICHT-GAMER 

Es ist einen Versuch wert

„Allzu viele Personen im professionellen Bereich haben einen Wechsel zum E-Sport noch nie in Betracht gezogen“, so Róisín O’Shea. Das sollten sie aber. Ihre Fähigkeiten werden gesucht, und der steile Zuwachs in dieser Branche sorgt dafür, dass Früheinsteiger mit einer langen und lohnenden Karriere rechnen dürfen.

Schließe es nicht von vornherein aus“, meint Róisín O’Shea. „Es ist zwar oft die erste Reaktion, aber genau das ist der Fehler. Erkundige dich über einige der größeren Organisationen. Auch Marken, die mit oder in E-Sport-Organisationen arbeiten, solltest du nicht außer Acht lassen. Ich wende mich an Personen, die entweder bereits mit Gaming zu tun haben, oder die durch den geregelten Tagesablauf ihrer jeweiligen Branche gelangweilt sind, und für die E-Sport eine Alternative darstellen könnte.

 

Das gilt auch für Frauen.

Schon seit zehn Jahren arbeitet Róisín O’Shea in der Männer-Domäne des Profi-Sports. Die E-Sport-Büros sind schwerpunktmäßig mit männlichen Mitarbeitern besetzt, aber Róisín O’Shea meint, dass Teams wie Fnatic verstärkt Frauen einstellen.

[Das Anwerben von Frauen] ist bei der Gaming-Community im Kommen“, erklärt sie. „In der Hauptniederlassung von Fnatic in London gibt es viele Frauen. Wenn du eine Frau bist ‒ unabhängig davon, ob du Gamer bist oder nicht ‒ und dir vorstellen kannst, im E-Sport zu arbeiten, solltest du es unbedingt versuchen.

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